Am Ende des alten Reiches

Die folgenden Jahrzehnte bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts verliefen für Rottendorf relativ ereignisarm.Von den kriegerischen Auseinandersetzungen im Alten Reich zunächst nicht betroffen, verzeichnete der Ort steigenden Wohlstand. Er fand sich nun fester und direkter als jemals zuvor in den absolutistischen Staat der Würzburger Bischöfe und Herzöge von Franken eingebunden, wenngleich Stift Haug weiterhin als Ortsherr präsent blieb. Aber die stiftischen Aktivitäten beschränkten sich zunehmend auf die Wirtschaftsverwaltung und das innerdörfliche Verordnungswesen, wobei der gemeindlichen Eigeninitiative durchaus breite Freiräume blieben, bzw. neu eröffnet wurden.

Intern herrschte das Wahl- und Abstimmungsprinzip, da die Gemeindeangehörigen selbst an Entscheidungen wie der über die Einstellung öffentlicher Bediensteter unmittelbar beteiligte.

Mit eigenem Siegel versehen, lenkte das Dorfgericht - nunmehr mit den Bürgermeistern als ständigen Mitgliedern und unter maßgeblichem Einfluss des Seniors der Schöffen - die Verwaltung und sprach Recht in Bagatellfällen.
Nur selten kam es zu aufsehenerregenden Prozessen, wie etwa 1691, als zwei Rottendorferinnen ihre Männer mit Hexengebräu, aber doch auch schon durch das modernere Mittel des Mäusegifts, umzubringen versucht hatten; eine der Täterinnen wurde in Würzburg geköpft.
Unruhige Zeiten begannen mit dem Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763): Am 27.11.1762 überfiel eine Husarenschwadron Friedrichs des Großen den Ort und verursachte in der einzigen Nacht ihres Aufenthalts Kosten in Höhe von 840 Gulden, Zwei Tage später rückten die Verbündeten des Fürstbischofs ein; sie haben, nach Aussage des Dorfchronisten, "noch mehres gekost als die feindliche Preußen".
Im folgenden Jahr lagen die befreundeten Truppen monatelang in Rottendorfer Quartieren und pressten fünfmal mehr Kontributionen aus dem Ort als zuvor die Feinde; nur durch Raubbau am Eichenbestand konnte die Gemeinde ihre Schulden abtragen. Drei Jahre später wehrte sich das Dorf erbittert gegen den Plan einer militärisch veranlassten Umlegung der alten Landstraße, die statt durchs Ameisenholz nun über die Ebene geführt werden sollte und die Einwohner der ständigen Gefahr von Truppendurchzügen aussetzte. Alle Proteste blieben fruchtlos, die Trasse (heutige B 8) wurde ab 1770 unter rücksichtsloser Verwüstung von Ackerland gebaut. Die Folge war eine Hungersnot; 10% der Rottendorfer Bevölkerung starben in dem einzigen Winter 1771 auf 72. Die Gemeinde musste von auswärts Sargholz ankaufen, da den Tischlern bei den vielen Toten die Bretter ausgegangen waren.

Neue Leiden brachte der Krieg der europäischen Fürstenkoalition gegen das revolutionäre Frankreich. Rottendorf stellte zwar nur zwei Rekruten zum kaiserlichen Heer, wurde aber im Sommer 1796 zum unmittelbaren Schauplatz, als die Franzosen eindrangen und sich als Besatzungsmacht keinerlei Schranken auferlegten, bis sie am 3. September dieses Jahres nach der verlorenen Schlacht zwischen Lengfeld, Estenfeld und Prosselsheim das Feld räumten; ein Entlastungsangriff, von Feldmarschallieutenant Sztarray über Rottendorf und Rothof vorgetragen, hatte die Reichstruppen bereits tags zuvor in eine günstige Position gebracht. Das innenpolitische Ergebnis der Revolutionskriege, der Regensburger Reichsdeputationshauptschluss, entschied über Rottendorfs Zukunft: Mit dem stiftischen Deutschland wurde am 25. Februar 1803 auch die haugische Ortsherrschaft beseitigt und Kurpfalz-Bayern trat die Nachfolge an.

Zieht man eine Bilanz des 18. Jahrhunderts, so liegen die bedeutsamsten Innovationen für Rottendorf, allen Not- und Kriegszeiten zum Trotz, zweifellos auf wirtschaftlichem Gebiet: Vor den Toren, im damals noch nicht eingemeindeten Wöllrieder Hof, hatte der Würzburger Ordinarius für Zivilrecht Philipp Adam Ulrich seit 1739 eine agrarwissenschaftliche Versuchsanstalt eingerichtet, die den Anbau neuer Produkte wie Klee, Raps, Kartoffeln und Runkelrüben in Franken betrieb und durchsetzte.

Von den Ulrich’schen Ideen beeinflusst und unter dem frischen Eindruck der Hungerkatastrophe von 1771/72 ging der wohl bedeutendste Schultheiß Rottendorfs, Christoph Nicolaus Kirsch - übrigens auch Erneuerer des gemeindlichen Kanzlei- und Aktenwesens -, mit Energie und Überzeugungskraft gegen die in seiner Gemeinde praktizierte Dreifelderwirtschaft vor. 1775 erreichte er, dass die Brache künftig für Raps- und Kleeansaat genutzt wurde, eine Methode, die der Vergrößerung der örtlichen Agrarfläche um ein volles Drittel gleichkam. Den Inhabern der Wöllrieder Schäferei, die nach altem Recht auf Rottendorfer Brachland hüten wollten, begegnete Kirsch erfolgreich mit den Mitteln des gewaltlosen Widerstandes: Er stellte die Einwohner an der Gemarkungsgrenze zu einer enggeschlossenen Kette auf und verhinderte so die Beweidung der neuen Kleekulturen.

Letztes Blatt des Schäfereikontrakts von 1779 mit den Siegeln und Unterschriften der Beteiligten (Staatsarchiv Würzburg)

Schließlich gelang es ihm, die fremden Hutrechte abzulösen (1779) und eine verbesserte Schafzucht in der Gemeinde selbst aufzubauen. Geringer war die dörfliche Eintracht in der 'Frage der Waldnutzung. Rottendorfs "eiserne Finanzreserve" tunlichst zu schonen, gebot schon die Vernunft. Aber nach dem Dreißigjährigen Krieg war es zu keiner Neuverteilung und -aufschlüsselung der Nutzungsrechte gekommen; vielmehr traten allein die Alteingesessenen als Inhaber der früher allen Einwohnern zustehenden Holzrechte auf und verfochten ihre Sonderinteressen gegen die Gesamtgemeinde.

Alsbald nahmen die Holzbezüge privatrechtlichen Charakter an, wurden teilbar, vererb- und veräußerlich; erstmals 1694 löste man ein Niederholzrecht von dem berechtigten Hausgrundstück und aus dem Jahre 1767 liegt ein Verzeichnis vor, das den ausschließlichen Personenkreis, die Holzrechtler, erfasst. Diese betrachteten die Waldungen allmählich als ihr Privateigentum, freilich unter Beachtung des Jagdrechtes, das der haugische Propst bis 1803 durch einen ortsansässigen "Pürschknecht" für sich wahren und schützen ließ.Demgegenüber kamen die Erträgnisse der Restallmende - verschiedene Wiesen, Weiden und Krautäcker - auf dem Wege versteigerter, kurzfristiger Pachtverträge weiterhin dem Gemeinwohl zugute.