Kurbayern, Toscanazeit und Königreich

Bereits am 28.11.1802 hatte der letzte Fürstbischof unter bayerischem Druck abgedankt. Seither war das alte Hochstift faktisch ein Teil Kurbayerns, ein Zustand, der erst im folgenden Jahr staatsrechtlich anerkannt, im übrigen auch nur wenige Jahre dauern sollte.

Rottendorf zählte damals etwa 600 Einwohner, hatte also die Bevölkerungsverluste des Dreißigjährigen Krieges inzwischen wieder eingeholt und darüber hinaus eine deutliche Zunahme zu verzeichnen. Doch die Einquartierungen und Truppenbewegungen der letzten Zeit hatten die Finanzkraft der Gemeinde erschöpft; es häuften sich die Fälle, in denen Bürger zwar ansässig bleiben, jedoch ihr Bürgerrecht aufgeben sich so den gemeinsamen Lasten entziehen wollten. Gegen diese Steuerflucht war schon 1801 vom Dorfgericht eine Art Zwangsmitgliedschaft für Grundbesitzer verfügt worden; ihr konnte sich nur entziehen, wer als "alter schwacher Bürger" seine Güter restlos an seinen Nachfolger übergab. Eine der ersten Reformen nach französischem Vorbild setzte die kurbayerische Regierung mit der Verordnung über die Durchführung der Säkularisation vom 21.06.1803 in Kraft: Danach war den ehemals haugischen Grunduntertanen die Möglichkeit eröffnet, ihren Besitz binnen Jahresfrist zu vollem Eigentum zu erwerben. Die Ablösesumme sollte je Hof maximal 600 Gulden betragen und in vier Jahresraten entrichtet werden dürfen.

Noch vor Ablauf wurde der Ort jedoch erneut vom Krieg heimgesucht, und die erste bayerische Periode endete, als Franken im Preßburger Frieden (1805) für den Habsburger Ferdinand von Toscana beansprucht wurde. Der neue Landesherr zog am 1.5.1806 über Rottendorf ein und wurde an der Gemarkungsgrenze von den in ihrer Dorftracht angetretenen Einwohnern feierlich begrüßt.

Aber den enthusiastischen Erwartungen konnte die Toscanazeit nicht entsprechen; denn das Großherzogtum Würzburg war als kleinerer Rheinbundstaat an die imperialistische Politik Frankreichs gekettet. Das Dorf litt dadurch erneut unter Einquartierungen, Menschenverlusten, Truppendurchzügen (1806, 1808). 1812, auf dem Weg nach Dresden, zog Kaiser Napoleon I. unter eigens errichteten Ehrenpforten in Rottendorf ein, machte hier Station und ließ sich die Huldigung der umliegenden Ortschaften darbringen. Schon im folgenden Jahr, nach der Niederlage in Russland, wählte der bayerische Oberbefehlshaber v. Wrede das Dorf zum Hauptquartier. Ehemals Verbündete, jetzt auf die Seite der Gegner Frankreichs übergetreten, deckten die Bayern Würzburg mit Kanonenfeuer ein und forderten von Rottendorf aus zum Abfall vom napoléonischen Bündnis auf. Folgenreicher sollte für den Ort ein zunächst weniger aufregendes Ereignis dieses 1813er Jahres werden: Durch den Ankauf des 1803 mit Rothof eingemeindeten Wöllrieder Hofes setzte der Würzburger Bankier Jacob Hirsch seinen Fuß ins Dorf, das er und seine Familie die kommenden Jahrzehnte hindurch wirtschaftlich beherrschten.

Neben ihm erwarb 1814 der Würzburger Handelsmann Michael Bausch die Reste der vormals haugischen Besitzungen, während die Gemeinde Mühe hatte, die Kriegsfolgelasten durch erneuten Raubbau am kommunalen Eichenbestand abzudecken. Den politischen Schlussstrich unter die Franzosen- und Toscanazeit setzte der Staatsvertrag vom 3. Juni 1814, der Rottendorf endgültig an Bayern brachte. Das Königsreich, zweifellos einer der fortschrittlichsten Staaten des damaligen Deutschland, stieß für Rottendorf das Tor zur Neuzeit auf. Durch die Abschaffung der Leibeigenschaft 1808 hatte Bayern das Feudalzeitalter beendet; die Konstitution von 1818 ordnete die Trennung staatlicher und kirchlicher Aufgabenbereiche an, gewährte den Gemeinden die Selbstverwaltung und garantierte den Untertanen die Gewissens- und Meinungsfreiheit, die Gleichheit vor Recht und Gesetz sowie die Unparteilichkeit von Verwaltung und Rechtspflege. Noch im selben Jahr schuf das Gemeindeedict mit dem auf drei Jahre gewählten Gemeindeausschuss, bestehend aus Gemeindevorsteher, Gemeindepfleger, Stiftungspfleger und 5 Gemeindebevollmächtigten, ein modernes Vertretungsgremium.

Alte Schenkstatt ("Zum Adler") um 1780

Die Lockerung gewerblicher Zulassungsbeschränkungen wird in der Gewerbesteuertabelle von 1820 sichtbar, die 18 gutgehende Handwerksbetriebe am Ort nennt. 1830 erhielt Rottendorf den ersten Krämerladen, völlige Gewerbefreiheit allerdings brachte erst das Gesetz von 1868. Aber schon 1837 kam ein erster Hauch von Industrialisierung ins Dorf, als Joel Jacob von Hirsch, Sohn des inzwischen geadelten, vor den  Würzburger Judenpogromen der 20er Jahre nach München verzogenen Jacob Hirsch, eine Zuckerfabrik errichtete, die vornehmlich die Rübenproduktion des Wöllrieder und hinzugekauften Rottendorfer Landes, insgesamt 300 ha, verarbeitete. Hirsch erwarb außerdem die Gaststätten "Krone" und "Adler", ließ letztere 1863 abreißen und produzierte dort in seiner Brauerei das "Hirschbräu", ein auch bei auswärtigen Bierfreunden beliebtes Getränk.

Dem Weinbau ging es weniger gut. Die von Bayern aufgerichteten Zollschranken sperrten den Weg zu den traditionellen Absatzmärkten und riefen allgemein in Franken einen ungeheueren Konkurrenzdruck hervor. Aus dem Ausland eingeschleppte Rebschädlinge ließen die Rottendorfer Familienbetriebe vollends unter die Rentabilitätsgrenze herabsinken. 1907 waren die Rebflächen auf 7 ha geschrumpft. Nach Jahrzehnten wirtschaftlichen Niedergangs erlebt der Rottendorfer Weinbau heute glücklicherweise einen hoffnungsvollen Aufschwung; das traditionsreiche, vorzügliche Gewächs wird - trocken und naturrein ausgebaut - seit einigen Jahren wieder vermarktet.

Verlor der Ort dadurch einen seiner Hauptwirtschaftszweige, so ergänzte und förderte die Eisenbahn seine Struktur. 1836 bereits hatte der unermüdliche Joel Jacob v. Hirsch erste Vorstöße zur Errichtung einer Streckenverbindung Nürnberg - Würzburg bei der Regierung unternommen, wenige Jahre später die Gründung einer Aktiengesellschaft, die Bau und Betrieb übernehmen sollte, ins Werk gesetzt. Zur Ausführung kam das Projekt aber erst seit 1850, und zwar als staatliche Maßnahme unter Ausschluss privater Beteiligung. Nach Fertigstellung des Abschnitts Bamberg - Schweinfurt wurden die Gleise nach Würzburg weiterverlegt und Rottendorf in der Regierungsentschließung vom 15.4.1852 zum Stationsplatz dieser neuen "Ludwig-Westbahn" bestimmt. Vor der Eröffnungsfahrt am 01.07.1854 suchten die Sicherheitsbehörden fieberhaft nach Zeichen staatsgefährdender Umtriebe, wie etwa der schwarz-rot-goldenen Demokratenflagge, da König Maximilian II. höchstselbst an dem epochalen Ereignis teilzunehmen geruhte. Bereits am Morgen des großen Tages waren viele Würzburger nach Rottendorf vorausgeeilt: "Da tönt des Feuerrosses gellend Zeichen, / Der Jubelruf schwillt zum Orkan, / Heil Ihm! Er kommt, so braust es durch die Straßen, / Der König Maximilian!", reimte ein zeitgenössischer Verseschmied.

Dem Ort brachte der Eisenbahnbau nicht nur wirtschaftlichen Aufschwung, sondern auch einen erheblichen Bevölkerungszuwachs, der die Einwohnerzahl von 730 im Jahre 1840 auf 1140 im Jahre 1895 hochschnellen ließ. Neue Bauflächen außerhalb des Ortskernes wurden erschlossen, Wassergraben, Dorfhecke und Tore verschwanden. Ein neuer Friedhof war bereits 1805 nicht weit vor dem Oberen Tor angelegt worden (heutige Würzburger Straße/ Einmündung Bahnhofstraße).

1850 gab man das alte Rathaus auf und versetzte das neue Gebäude an den derzeitigen Standort; stärker noch veränderte sich das Dorfbild durch die Kirchenerweiterung 1863 und den von der Gemeinde finanzierten Kirchturmbau, der den abseits stehenden Campanile aus dem frühen 17. Jahrhundert ersetzte. Das Gasthaus zur Eisenbahn (1855), der Bayerische Hof und die Bahnhofswirtschaft (1873) erweiterten alsbald das örtliche Gaststättenangebot.

Der deutsch-deutsche Krieg von 1866 sah Rottendorf erneut und letztmals als Hauptquartier einer Armee: Der Stab des Prinzen Karl, bayerischer Oberbefehlshaber, bezog die im Vorjahr stillgelegte Hirsch’sche Zuckerfabrik, während in Ort und Gemarkung eine Brigade der 2. Division, die gesamte 3. Division, die Reserveartillerie und eine hessische Division lagen; diese Truppensammlung - es war Juli - verursachte eine der schwersten Missernten der jüngeren Vergangenheit. Menschenopfer hatte das Dorf jedoch nicht zu beklagen.

In den vier Jahren zwischen diesem und dem nächsten Krieg brachte die durch Gesetz von 1868 verkündete Gewerbefreiheit neue Betriebe in den Ort. 1869 fiel in Bayern die diskriminierende Unterscheidung zwischen Stadt- und Dorfoberhäuptern fort; beide hießen künftig einheitlich "Bürgermeister". Die Führung des uralten Dorfsiegels aus haugischer Zeit mit dem Doppelbild des Heiligen Vitus blieb dem Ort aber weiterhin verwehrt; erst in der Gegenwart konnte mit einer völlig anderen Neuschöpfung wieder an die Wappentradition angeschlossen werden. Ebenfalls 1869 ging ein fast zehnjähriger, von innerdörflichen Spannungen überschatteter Prozess zwischen Holzrechtlern und Gemeinde um das Eigentum an den Waldungen zu Ende; der Vergleich vom 14. Juli, im Gasthaus zur Eisenbahn notariell geschlossen, stellt der Kompromissbereitschaft und dem Augenmaß beider Parteien ein hervorragendes Zeugnis aus. Zum deutsch-französischen Krieg 1870/71 wurden 39 Rottendorfer eingezogen, zwei fielen, den Überlebenden bereiteten politische und kirchliche Gemeinde einen Empfang, der sich zum mehrtägigen Fest erweiterte.

Die 80er Jahre brachten eine erhebliche Vermögensumschichtung: seit 1833 hatte das Haus Hirsch finanzkräftige Konkurrenten mit Ausnahme der freiherrlich Frankensteinischen Familie von Rottendorf fernzuhalten gewusst, nun gingen die Löwenanteile der Hirsch’schen Güter an Hern v. Deusterm da die Rottendorfer Landwirte nicht mitzubieten vermochten. Deustern erwarb aus der zum Verkauf anstehenden Masse auch die Brauerei für sich, die erst 1922, nach zahlreichen weiteren Besitzwechseln, den Betrieb einstellte und damit eineinhalb Jahrhunderte örtlicher Bierproduktion endgültig abschloss.

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges erhielt das Dorf seine erste moderne Wasserleitung (1909 - 1912), 1910 ein Schulhaus in der Hauptstraße, 1912 die Elektrifizierung.